Am 2. Februar 2020 steht in Leipzig die Wahl zum Oberbürgermeister an*. Mit dem Jahresbeginn haben die Kandidaten ihre Wahlkampagnen gestartet, zu denen natürlich auch Out-of-home Plakatierung gehört. Wir haben uns die Plakate einmal genauer angesehen und kommen zum Ergebnis: Auch politische Plakate folgen den Regeln kommerzieller Produktwerbung. Welche das sind, erfahren Sie im folgenden Text.

*Nachdem im ersten Wahlgang am 2. Februar 2020 keiner der Bewerber mehr als die Hälfte der gültigen Stimmen (absolute Mehrheit) erreicht hat, gibt es am 1. März 2020 den entscheidenden Wahlgang. Oberbürgermeisterin oder Oberbürgermeister wird, wer dabei die meisten gültigen Stimmen auf sich vereinen kann.

Das sind die Grundlagen kommerzieller Plakatwerbung:

  1. Die Botschaft wird klar kommuniziert.
  2. Die Botschaft spiegelt sich sowohl in dem Motiv, dem Inhalt, als auch in der visuellen Umsetzung wider.
  3. Das Plakat emotionalisiert die Botschaft und löst Reaktionen aus.
  4. Die Botschaft ist glaubwürdig.

Schauen wir uns unter diesen Gesichtspunkten die Plakate der diesjährigen OBM-Kandidaten genauer an. Für alle Plakate gilt: Wie glaubwürdig die Botschaft wirklich ist, können wir nur jedem einzelnen Betrachter selbst überlassen.

zur SPD
zu Die Partei
zur FDP
zur CDU
zu B90/Die Grünen
zur AFD
zu Die Linke

Burkhard Jung / SPD

 

Die zentrale Botschaft „Denken wir nach vorn.“ bestimmt den Duktus der Plakatreihe. Burkhard Jung inszeniert sich als dynamischer und jung gebliebener Macher. Die Hände lässig in den Taschen, gestikulierend, überzeugend. Collagenartige Schrägen in Pastellfarben unterstützen die schnappschussartigen Motive visuell. Schräg platziert sind auch die politischen Leitsätze – immer in Kombination mit der Botschaft. Visuell begreift der Betrachter: Dieser Mann will weiter. Die Text-Bild-Schere spricht ansonsten wenig Emotionen an und vermittelt eher Sachinformationen. Alle Plakatmotive sind inhaltlich und visuell sehr stringent umgesetzt und erzeugen so eine hohe Prägnanz im Stadtalltag. Lediglich die Lesbarkeit der Headlines lässt sehr zu wünschen übrig. Dabei distanzieren sich alle Plakatmotive vom bundesweit bekannten Erscheinungsbild der SPD.

Fazit: Jung inszeniert sich stark als Einzelperson und Macher. Alles in allem haben wir hier eine klassisch gemachte Plakatreihe mit Luft nach oben für mehr Persönlichkeit.

Katharina Subat / Die Partei

Die Partei grenzt sich mit provokanten Headlines im Umfeld der klassischen Plakatwerbung ab und verzichtet dabei auf eine ansprechende Gestaltung. Die visuellen Elemente wie der am oberen Bildrand positionierte rote Textbalken oder das Parteilogo auf einem weißen Abbinder bedienen sich eher einer visuellen Ästhetik der Vorkriegsjahre. Die visuelle Prägnanz der Plakate wird so satirisch ins Lächerliche gezogen. Überspitzte Text-Bildscheren verstärken diesen Eindruck. Das Plakatmotiv mit der Headline „Abbau Ost“ beispielsweise zeigt eine junge Frau mit einem Vorschlaghammer in der Hand in einer augenscheinlich abbruchreifen Wohnung. Da Satire hier stilgebendes Mittel ist, fällt es schwer, einen ernstzunehmenden Informationsgehalt der Motive herauszufiltern.

Fazit: Die Partei nutzt wie so oft den „satirisch erhobenen Zeigefinger“, wobei es ausschließlich um Aufmerksamkeit geht. Es funktioniert.

Marcus Viefeld / FDP

Die Hautfarbe des Gesichtes von Viefeld wirkt in Kombination mit der Farbe Gelb etwas rötlich und lässt seine Stirn noch unvorteilhaft größer wirken. Sein Blick ist offensiv in die Kamera gerichtet. Die Farbe Gelb wirkt aggressiv und unterstützt seinen provokanten Gesichtsausdruck. An Bildmaterial wird in dieser Kampagne gespart. Unterschiede in den Plakatvarianten finden sich lediglich in Auswahl der Inhalte wieder. Visuell eher unspektakulär finden sich französische Abführungszeichen in Form zweier spitzer Klammern nach rechts gerichtet in allen möglichen Varianten wieder. Das unterstützt formal den Inhalt: Voraus denken, voran gehen. Ein gestalterisches Element, welches nach rechts weist, bedeutet immer „in Richtung Zukunft gehen“.

Fazit: Mehr Abwechslung, mehr Ausprobieren! Wer mit seiner Plakatkampagne möglichst viele (unterschiedliche) Leipziger ansprechen möchte, sollte das auch mit einem flexiblen Design und abwechslungsreicheren Botschaften klar machen.

Sebastian Gemkow / CDU

Gemkow versteht sich als Ur-Leipziger und krempelt leger seine Ärmel hoch. Als „Einziger“ will er für mehr Zusammenhalt und bezahlbares Wohnen in Leipzig kämpfen. Dafür unterschreibt er sogar seinen Slogan handschriftlich: Stimme für Leipzig. Er bezeichnet sich als „Einer“, der für ein sicheres Leipzig sorgt und positioniert sich dabei hinter einer Frau in Polizeiuniform. Mal zeigt er sich mit einer Frau und mal mit einem älteren Herren, ein anderes Mal hängt er ganz authentisch auf seinem Fahrradlenker und schaut lächelt nach rechts – wieder in Richtung Zukunft. Die Gestaltung der Kampagne wirkt souverän und zugleich konservativ. Die Headlines formulieren Inhalte wie: Sicherheit, Zusammenhalt, bezahlbares Wohnen im Alter und Mobilität im Alter. Der Look-and-Feel der Kampagne lässt vermuten, dass eine ältere Zielgruppe angesprochen werden soll.

Fazit: Insgesamt eine solide Plakatkampagne, gespickt mit den „Leipziger Farben“ Blau und Gelb, die bei der Kernzielgruppe punkten wird. Ob aber auch weitere Zielgruppen davon erfolgreich angesprochen werden, wird sich zeigen.

Katharina Krefft / B90/Die Grünen

Die Grünen-Kandidatin Katharina Krefft inszeniert sich in ihrer Kampagne sehr konstant. Alle Plakate folgen exakt demselben Aufbau. Das Motiv zeigt sie inmitten des Alltags, in Bewegung, umrandet – oder besser gesagt, gefangen in einem weißen verzerrten Kasten. Darüber, in angekippten Großbuchstaben, ihr Name. Im unteren Bereich ein grüner, auch schräger Abbinder mit den politischen Leitlinien. Lediglich diese variieren von Plakat zu Plakat. Der ganze Aufbau soll Dynamik und Vorwärtsstreben vermitteln und verlässt sich dabei leider zu sehr auf beliebige, und zum Teil schlecht positionierte Dekorationselemente, anstatt motivisch auf die politischen Leitlinien einzugehen und so eine emotionale Geschichte zu erzählen. Positiv anzumerken ist die stringente Anwendung der gewählten Kampagnenelemente. Ein hoher Wiedererkennungswert ist so gewährleistet.

Fazit: Mehr Mut zu einer motivischen Varianz und zu emotionalem Storytelling!

Christoph Neumann / AfD

– Leipzigs neuer Mann! Sozial ohne rot zu werden! Leipzig braucht den Wechsel jetzt! – Bei der AfD soll „Leipzigs neuer Mann“ Christoph Neumann werden. Wortwitze wie: „Messestadt hat Messer satt“ finden sich im oberen Drittel der Plakatfläche als Headline wieder. Botschaften wie „Leipzig im Wandel“ werden durch den Wandel im Plakataufbau, aber nicht durch aufklärende Botschaften, transportiert. Mal beinhaltet das Motiv ein Bild – mal nicht. Einmal ist das Motiv collagenhaft hinterlegt mit einer weißen Fläche – mal nicht. Wieder einmal wird hier bei einer weiteren Kampagne mit einen Dreiecksmuster im Hintergrund gearbeitet und somit lediglich optisch verziert, nicht aber inhaltlich unterstützt. Die Hauptfarbe ist Blau inklusive einiger Abstufungen. Die Akzentfarbe Rot wird abgeleitet vom Pfeil (wieder nach rechts oben) im Logo.

Fazit: Die Farbe und die Schriftart Futura sind die einzigen konsistenten Kampagnen-Elemente – alles andere wirkt beliebig. Das Originellste ist die Wortspielerei. Dennoch schafft es die schwache visuelle Botschaft nicht, die Textaussagen zu untermauern.

Franziska Riekewald / Die Linke

Die Linken-Kandidatin Franziska Riekewald tritt mit unterschiedlichen Plakatmotiven auf, wobei sie nicht auf allen Plakaten selbst mit Bild platziert wird. Mehrere Motive kommunizieren ihre politischen Leitlinien, ein Motiv stellt lediglich sie als Person vor. Damit gibt es eine klare Trennung von Inhalt und Emotion. Alle Plakatmotive eint ein reduzierter Umgang mit gestalterischen Elementen. Prominent platzierte Schrift und der Einsatz von Schwarz, Weiß und Rot sind die visuelle Klammer und schaffen so einen hohen Wiedererkennungswert im Umfeld. Damit folgen sie sehr stringent der eigenen visuellen Tradition der (Bundes-) Linken. Das trifft auch auf die herausfordernd formulierten politischen Leitlinien zu. Dies ist positiv anzumerken.

Fazit: Einer gestalterischen Ästhetik, was Plakataufbau und Schrifteinsatz anbetrifft, folgt die Kampagne leider nicht. Zudem bleibt nach dem Ansehen nicht Frau Riekewald, sondern eher Die Linke als Partei an sich im Gedächtnis. Hier gibt es Verbesserungsbedarf.

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